Defizite beim Fahrradfahren:
Viele Viertklässler schaffen die Fahrradprüfungen nicht, klagen Landesverkehrswachten in ganz Deutschland. Woran liegt das? Ein Anruf bei einem Hamburger Verkehrslehrer.

Ein Interview von Sarah Wiedenhöft

SPIEGEL ONLINE: Herr Dürr, Sie sind seit 35 Jahren Polizist, davon die letzten 14 Jahre Polizeiverkehrslehrer. Haben Sie den Eindruck, dass Kinder heute schlechter Rad fahren als früher?

Hauke Dürr*: Ja, der Meinung bin ich. Einige können noch nicht einmal unfallfrei auf ein Rad steigen. Gerade Jungen haben wegen der Stange, die an Herrenrädern verbaut ist, Schwierigkeiten auf das Rad zu kommen. Sie bleiben mit dem Fuß hängen und fallen dabei um, bevor die Fahrt überhaupt losgehen kann.

SPIEGEL ONLINE: Haben Mädchen denn auch Schwierigkeiten?

Dürr: Ja, durchaus. Ich unterrichte auch in Schulen in sozialen Brennpunkten. Viele Familien können sich ein Fahrrad nicht leisten, und die Kinder lernen deshalb nicht Rad fahren. Manchmal können es auch die Eltern nicht. In anderen Fällen fahren sie noch schlechter als ihr Nachwuchs. Ich habe schon Klassen unterrichtet, in denen die Mütter und Väter die Ausbildung wesentlich dringender brauchten als die Kinder.

SPIEGEL ONLINE: Stellen Sie auch Veränderungen in der Motorik fest?

Dürr: Insgesamt kann man sagen, dass die motorischen Fähigkeiten deutlich abgenommen haben. Kinder sitzen mehr als früher, spielen weniger draußen. Das zieht zum Beispiel Gleichgewichtsprobleme nach sich. Auch die Koordination ist ein großes Problem. Viele Kinder lenken zur linken Seite, wenn sie über ihre linke Schulter gucken, um zu sehen, ob die Straße frei ist. Im schlimmsten Fall bauen sie dann einen Unfall. Auch einhändig fahren und richtig bremsen können viele nicht.

SPIEGEL ONLINE: Gab es bei Ihren Fahrten schon Unfälle?

Dürr: Mich begleiten nur relativ sichere Radfahrer im Straßenverkehr, weil ich vorher eine Proberunde durchführe. Trotzdem kommt es manchmal zu Eigenunfällen der Kinder. Sie müssen ihr Fahrrad sicher beherrschen, die Verkehrsregeln umsetzen, auf das Fehlverhalten anderer Verkehrsteilnehmer reagieren und das alles in der Bewegung. Das ist für viele nicht einfach. Als ich neulich mit einer Schülergruppe am Fahrbahnrand anhielt, fehlte plötzlich ein Schüler – und aus dem Graben neben der Straße schaute ein Vorderrad. Das Kind war nach dem Anhalten umgefallen, weil das Fahrrad zu groß war. Zum Glück hatte es sich nicht verletzt. Viele Eltern kaufen die Räder ihrer Kinder auf Zuwachs, aber die richtige Größe des Fahrrads ist wichtig, damit das Kind es beherrschen kann.

SPIEGEL ONLINE: Was empfehlen Sie Eltern, die das Gefühl haben, dass ihr Kind nicht sicher genug Rad fährt?

Dürr: Was genau bedeutet “nicht sicher genug”? Manche Eltern denken, ihr Kind könne schon Rad fahren, wenn es einigermaßen sicher geradeaus fährt. Das sehe ich anders. Um sicher allein im Straßenverkehr zu fahren, sollte das Kind über die Schulter schauen, dabei die Richtung einhalten und einhändig fahren können. Es muss richtig bremsen, den Verkehr im Auge behalten und ihn richtig einschätzen können. In einigen Schulen bieten wir am Nachmittag Übungszeiten in der Turnhalle oder auf Schulhöfen an. Dort habe ich auch schon manchen Eltern das Radfahren beigebracht.

SPIEGEL ONLINE: Wie können Eltern ihr Kind unterstützen?

Dürr: Eltern sollten viel gemeinsam mit dem Kind Fahrrad fahren, den Verkehr gemeinsam beobachten und Situationen besprechen. Außerdem sollte das Rad die richtige Größe haben und regelmäßig auf Verkehrstüchtigkeit überprüft werden. Wichtig ist auch die Vorbildfunktion der Eltern: Sie sollten sich verkehrskonform verhalten, einen Fahrradhelm tragen und vor allem die richtige Radwegseite nutzen – das ist die Hauptunfallursache bei Radfahrern.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie Laufräder für Kleinkinder für sinnvoll?

Dürr: Ich finde sie gut, denn Laufräder schulen das Gleichgewicht. Das Umsteigen auf ein “richtiges” Fahrrad fällt vielen Kindern dann leichter. Für Eltern ersetzen sie aber jedes Sportprogramm, denn die Kinder können mit den Rädern sehr schnell werden. Trotzdem sollte man die Kinder anfangs immer zu Fuß begleiten und nicht auf dem Fahrrad. So lange, bis sie sicher lenken und anhalten können. Ein großer Vorteil ist, dass die heutige Generation der Laufräder zum Großteil mit Bremsen ausgestattet ist. Nicht zu empfehlen sind Fahrräder sind mit Stützrädern. Diese bieten vermeintliche Sicherheit beim Kurvenfahren – und da haben die Kinder dann später erhebliche Gleichgewichtsprobleme.m

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Zur Person:
* Hauke Dürr ist hauptberuflich Polizeiverkehrslehrer der Polizei Hamburg.

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Copyright: Spiegel online, 26.05.2018